Als ich aus der Tür des Flughafens trat, traf mich die Hitze wieder mit voller Wucht. Die Blicke der vor dem Gebäude wartenden Taxifahrer richteten sich mit einer Mischung aus Routine und Langeweile auf mich, während die Männer rauchten oder Kaffee aus Plastikbechern tranken.
Ich blieb einen Moment lang stehen und sah mich um. 
Direkt gegenüber dem Flughafengebäude breitete sich ein breiter Grünstreifen aus, auf dem dunkles Gras wuchs. Schilder wiesen darauf hin, dass das Betreten des Rasens verboten war, was aber weder die Taxifahrer noch einige der Passagiere davon abhielt, sich auf ihm zu lümmeln oder ein Nickerchen zu machen. Mein Blick fiel auf eine Werbetafel, auf der in englischer Sprache auf eine Balkan-Konferenz hingewiesen wurde, die jedoch bereits vor über sechs Wochen stattgefunden hatte. Auf den anderen Werbeschildern waren Passagiermaschinen verschiedener Farbe und Größe zu sehen. Darunter oder darüber prangten irgendwelche Werbeslogans in kyrillischer Schrift. Die Werbung verschiedener Fluggesellschaften oder Reisebüros, wie ich vermutete. Hinter dem Grünstreifen befand sich ein großer Parkplatz ohne jede Bedachung. Jedes einzelne Auto brütete dort in der prallen Sonne, was es sicher nicht zu einem Vergnügen machte, dort irgendwann wieder einsteigen zu müssen.  
Gleich hinter dem Platz öffnete sich ein riesiges Gemälde, dessen obere Hälfte vollständig aus einem blassblauen, fast wolkenlosen Himmel bestand. Die untere Hälfte des Bildes war gefüllt mit einer steppenartigen Landschaft, in der außer vereinzelten Büschen und Bäumen nicht viel zu wachsen schien. Hier und da erblickte ich freistehende Häuser. Die Wiesen waren bereits völlig von der Sommersonne verbrannt und hatten durch die Trockenheit eine gelbgoldene Färbung angenommen. Jeder Windstoß wirbelte ein wenig trockene Erde auf und ließ den Staub über dem verdorrten Gras tanzen. In einigen Kilometern Entfernung waren Berge, oder vielmehr, Gebirgsketten zu erkennen. Mich erinnerte der Anblick dieser faszinierenden, aber doch irgendwie trostlosen Umgebung eher an die Fernsehbilder, die ich von Afghanistan kannte, weniger an die Umgebung, die ich um einen Hauptstadtflughafen herum vermutet hätte.
»Taxi?«, riss mich jemand aus meinen Gedanken.
Ich sah einem älteren Mann ins Gesicht, der mich erwartungsvoll anblickte. Er lächelte nicht, schien aber dennoch sehr freundlich zu sein.
Ich nickte und folgte dem Mann zu seinem Wagen. Das blauweiß lackierte Auto stand nur drei oder vier Meter entfernt. Ohne ein Wort zu sagen, öffnete der Mann den Kofferraum, warf mein Gepäck hinein und schloss die Klappe wieder, wobei er sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf das Blech stützte, damit das Schloss einrastete. Überhaupt war der Wagen in einem erbärmlichen Zustand, was aber angesichts des Alters kein Wunder war. Ich konnte nicht genau sagen, ob es sich bei dem Fünftürer um einen Opel, einen Ford oder irgendeinen Japaner handelte, aber ganz eindeutig war dieses Fahrzeug irgendwann Ende der 90er Jahre vom Band gerollt. Und besaß vermutlich noch immer die Originalreifen, wenn ich das fehlende Profil richtig deutete. Der Fahrer ging um den Wagen herum und stieg ein. Ich ließ mich auf den Beifahrersitz fallen und schloss die Tür. Der Wagen wirkte innen wie schon von außen völlig heruntergekommen. Die Polster waren verschlissen, das Plastik der Türgriffe und des Armaturenbretts zerkratzt und abgegriffen. Der Stoff, der am Himmel des Autos angebracht war, hing in groben Fetzen herunter und wurde offenbar nur noch von den großzügig verteilten Sicherheitsnadeln zusammengehalten.
»Do kade?«, fragte der Mann, ohne mich anzusehen.
»Do you speak english?«, fragte ich zurück.
Der Mann lächelte nun breit in meine Richtung.
»Germanski? Deutschland?«
Ich nickte und lächelte ebenfalls.
»Ah, bin ich gewesen Deutschland. Zehn, elf Jahre her. Habe ich gearbeitet da. Mannesmann und Thyssen.«
»Na so was«, sagte ich.
»Ja. Harte Arbeit, viel Arbeit.«
»Glaube ich gern«, sagte ich und zog einen Zettel aus der Tasche meines Hemdes, auf dem die Adresse des Hotels notiert war, in dem ich wohnen sollte.
»Zehn Stunden, jeden Tag. Harte Arbeit.«
»Tja. Nur gut, dass das vorbei ist, oder? Ich müsste zur …«
»Chef war nix gut. Sehr streng. Richtig streng. Einmal er hat mir geschrien, weil ich war zu spät zehn Minuten.«
»Verstehe«, sagte ich und lächelte konsequent weiter. »Aber mein Hotel …«
Den Taxifahrer interessierte offensichtlich nicht, was ich zu sagen hatte, denn er fuhr unbeirrt mit seiner Geschichte fort.
»Eine Kollege aber. Er war ein Deutscher. Jeden Tag er kommen zu spät. Eine Stunde, zwei Stunden, egal. Immer zu spät. Mein Chef nix ihn geschrien oder geschimpft. Ich nie gewusst wieso. Irgendwann ich sehen, dass Chef und Kollege sitzen zusammen in Werkstatt und trinken Bier.«
Der Mann blickte mich nun empört an, ganz so, als erwartete er nun irgendeine Reaktion von mir. Einige Sekunden blickten wir uns schweigend an.
»Ich möchte ins Hotel Franklin Roosevelt auf der Drezdenska Straße«, sagte ich schließlich.
Den Taxifahrer beeindruckte diese Aussage nicht, er erzählte stattdessen weiter.
»Hat er gesoffen jeden Tag mit meine Kollege, deswegen er nix hat Ärger bekommen. Und ich musste immer arbeiten und pünktlich sein.«
Der Mann redete sich jetzt regelrecht in Rage und schlug während seiner Erzählung immer wieder mit der flachen Hand auf das Lenkrad.
»Scheise Thyssen, scheise Mannesmann. Is ungerecht. Wenn ich jeden Tag besoffen, dann ich auch guter Freund von mein Chef, aber ich ja nur gut gearbeitet zehn Stunden jede Tag. So wirst du nix Freund von Chef. In Deutschland du verdienst schöne Geld, ja, aber nur wenn du saufen Bier wie eine Schwein mit Chef.«
Ich überlegte, ob ich nicht einfach in ein anderes Taxi steigen sollte, aber nachdem der Fahrer sich etwas beruhigt hatte, zuckte er mit den Schultern, sagte »Aber so war früher eben« und drehte endlich den Zündschlüssel.
Das Radio sprang an und düdelte sofort heimische Folklore, wie ich vermutete. Immerhin in erträglicher Lautstärke. Ich konnte natürlich kein Wort verstehen, aber ich war mir sicher, dass es sich bei diesem pathetischen und schmalzigen Gejaule, welches von merkwürdig klingenden Instrumenten begleitet wurde, um eine Art Liebeslied handelte. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Offenbar stammte neben dem Wagen des Mannes auch sein Musikgeschmack aus dem Erdaltertum. Mein Blick fiel auf das Armaturenbrett, welches nach einigen Metern Fahrt wild zu leuchten und zu blinken begann. Neben den Anzeigen für ABS, Öl, Batterie und Airbag flackerten noch unzählige weitere Symbole auf, die ich noch nie in einem Auto gesehen hatte. Über dem Lichtspektakel prangte in großen Lettern das Wort STOP. Ich wusste überhaupt nicht, dass so etwas möglich war. Ich sah den Fahrer an, der von dem visuellen Tumult, den seine Anzeige machte, völlig unbeeindruckt war, und der nun leise zur Musik des Radios sang. Ich kam zu dem Schluss, dass mir das alles egal sein konnte, solange das Auto nicht während der Fahrt auseinanderfiel oder explodierte. Und das war ja unwahrscheinlich. Hoffte ich.
Wir verließen das Flughafengelände und fuhren auf eine Straße, deren Teerschicht schon deutliche Schäden aufwies. Im Grunde hätte man den ganzen Belag schon vor Jahren austauschen müssen. Der Fahrer jedoch manövrierte geschickt um jedes Schlagloch herum.
»Ich fahren nicht über die Autobahn. Da müssen Maut zahlen, wir fahren Weg, wo umsonst ist. Geht genauso schnell. Okay?«
»Absolut okay«, antwortete ich und kurbelte die Scheibe herunter.
Im Auto herrschten beinahe dieselben Höllentemperaturen wie draußen. Eine funktionierende Klimaanlage besaß der Wagen offensichtlich nicht. Oder, und das hielt ich für deutlich wahrscheinlicher, sie war bereits seit Jahren defekt. Der Fahrtwind kühlte mein Gesicht angenehm und ich begann mich zu entspannen und konnte sogar den Lärm aus dem Radio ignorieren. Die völlig heruntergekommene Straße führte durch eine Landschaft, die mich entfernt an Italien erinnerte; weite Flächen mit Gräsern, die goldgelb in voller Blüte standen, Felder, auf denen offenbar Gemüse angebaut wurde, einige kleine Waldflächen und schließlich Siedlungen, die meist aus nicht mehr als drei oder vier Häusern zu bestehen schienen. Und über allem wachte der unendliche blaue Himmel. Der deutlichste Unterschied zur Toskana oder zu Kalabrien war der, dass die gesamte Gegend völlig wild wirkte, weniger wie ein Postkartenmotiv, sondern eher so, als hätte man die Natur weitgehend sich selbst überlassen. Niemand schien sich wirklich mit ihr zu befassen. Passend zur Landschaft befanden sich auch die Häuser meist im Zustand eines Rohbaus, auch wenn bei einigen von ihnen Gardinen und davor geparkte Autos verrieten, dass sehr wohl bereits jemand eingezogen war. Die Autos selbst waren, wie das Taxi, in dem ich saß, Museumsstücke. Nicht nur wegen ihres Zustandes, nein, tatsächlich konnte ich Modelle ausmachen, die in Deutschland bereits als Old- oder Youngtimer angemeldet werden konnten, da sie noch aus den 70er oder 80er Jahren stammten. Hier wurden die Autos wie selbstverständlich noch gefahren, wie es schien. Hier und da konnte ich Baustellen ausmachen, die offenbar aufgegeben worden waren. Manchmal ragte am Straßenrand noch ein Brückenpfeiler oder etwas, das einmal ein Brückenpfeiler hätte werden sollen, zwei oder drei Meter in die Höhe, ohne jedoch fertiggestellt worden zu sein und dessen Betonhülle von der Sonne bereits schneeweiß gebleicht worden war. 
Keine Frage, es handelte sich um ein armes Land, aber um eines, das mit einer ganz speziellen Schönheit auffiel. Jetzt, wo die Nachmittagssonne noch recht hoch am Himmel stand, leuchtete alles in unterschiedlichsten Goldtönen. Ich musste lächeln. Trotz seiner Armut begrüßte mich Nordmazedonien in seinen prachtvollsten Farben, ganz so, als wäre das Land glücklich, mich bei sich zu haben. In mir breitete sich das wohlige Gefühl aus, ein willkommener Gast zu sein.
Das Taxi sackte mit einem Ruck ab. Mein Kopf schnellte nach vorn und meine Schneidezähne gruben sich in die Unterlippe. Augenblicklich spürte ich Blut über mein Kinn fließen, gleichzeitig schoss ein stechender Schmerz durch mein Gesicht.
»Verdammte Scheiße«, rief ich und presste mir die Hand auf den Mund.
Der Taxifahrer warf mir einen kurzen Blick zu und sah dann grinsend wieder auf die Straße vor uns.
»Müssen Sie aufpassen, viele Löcher in die Straße. Manchmal haben Pech und ich treffen eine von ihnen.«
Ich griff mit der freien Hand umständlich in mein Sakko, um das Paket Taschentücher herauszuziehen, das ich dort für gewöhnlich aufbewahrte. Ich bekam die Ecke zu fassen und zog es hastig heraus. Mit den Taschentüchern kamen auch die unzähligen Geldscheine zum Vorschein. Das Bündel entfaltete sich noch in der Luft und wurde durch den Fahrtwind des offenen Fensters im gesamten Innenraum des Taxis verteilt.
»Das Geld!«, rief ich und spuckte Blut auf mein Hemd.
Hektisch versuchte ich mit beiden Händen, die Scheine einzufangen, was mir aber kaum gelang. Viele von ihnen verabschiedeten sich gleich durch das geöffnete Fenster.
Der Fahrer sah mich kurz irritiert an, lachte dann aber laut auf.
»Ist meine Auto jetzt wie Las Vegas«, kicherte er und wischte sich die Tränen aus den Augen.